Think Twice – Warum Du lieber einmal mehr überlegen solltest bevor Du handelst! 5/5

Gastbeitrag von Julia Schart

Teil 5: Wer seine Suppe alleine ausschöpft hat noch lange nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen!

Der eigene Kopf oder besser gesagt die darin befindliche Software kann manchmal wahrlich sonderbare Aktionen hervorrufen, dass man nur so mit den Ohren schlackert. Eine Manipulationsmaschine mit einem teils ungewöhnlichem Eigenleben. Ich glaube jeder kennt die Situation, in der man einfach nur ruhig dasitzen und vor sich hinsinnieren möchte und plötzlich wird man von einem Tsunami an wirren Problemen, Eindrücken, und Gedankenfetzen überströmt. Entweder man überschreibt das Programm nun mit neuem Input, indem man sich ablenkt oder you become crazy. Andere Alternative, wer das beherrscht: auf ‘shut down’ drücken und das neuronale Narrenkomitee auf Standby stellen.

Anderes Beispiel, das jeder sicherlich in ähnlicher Form aus seiner Schulzeit kennt. Erste Stunde Schulaufgabe im Fach Englisch – die Aufgabe lautet: Übersetze den vorliegenden Text vom Deutschen ins Englische. Schon im initialen Absatz hakt es, da du dich um nichts in der Welt an das englische Wort für „Muskelkater“ erinnern kannst. Da ihr jedoch tags zuvor den gleichen Begriff im Französischunterricht gelernt habt, hat das Gehirn stattdessen „la courbature“ abgespeichert, was nun an vorderster Front präsent wäre. Nice to know – interessiert trotzdem niemanden in diesem Moment.

Diese Art von ‘Availability Bias’(Dobelli, 2018), also die ‘Voreigenommenheit des derzeit mental Verfügbaren’, spielt gleichermaßen beispielsweise im Trainings- und Therapiealltag eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ist man sich dessen bewusst, kann dies für sich persönlich sehr nützlich sein.

Stellen wir uns wieder folgende Alltagsgegebenheit vor: Trainer A absolvierte über das Wochenende einen Kurs zum Thema „Flossing bei Schulterschmerz“, Trainer B hatte in der vergangenen Woche intensive Gespräche mit einem erfahrenen Therapeuten über die Effektivität von „Deadlifts“ bei CLBP (Chronic Low Back Pain) und Trainer C eignete sich in einem Seminar  praktisches Wissen zu „Dehn- und Faszienmobilisationstechniken“ bei persistierenden Nackenschmerzen an. Wer von den Dreien hat nun Recht? Der ein oder andere würden nun antworten: wer heilt hat Recht. Naja, wie dem auch sei.

Mit dem frisch erlernten Input läuft der jeweilige Coach oder Therapeut nun am Montagmorgen energiegeladen und voll motiviert in die Praxis und betrachtet den Klienten fortan mit einem gewissen vorgeprägten oder voreingenommenen Bild. Ist nun tatsächlich ‘Flossing’ das vermeintlich wirksamste Mittel bei einer Schulterproblematik, wie es vielleicht im Kurs angedeutet wurde? Kann man durch Kreuzheben alle chronischen aspezifischen Rückenschmerzen bei Kunden von 0-99 Jahren wirksam in den Griff bekommen? Und sind es wirklich die sagenumwobenen Faszien, die alleine dafür verantwortlich sind, dass Nackenschmerzen immer wieder auftreten?

Ich bin mir sicher, fast jeder hat sich irgendwann schon mal in einer ähnlichen Situation wiedergefunden. Gerade als Newcomer auf diesem Gebiet ist man um jeden Therapieansatz dankbar und probiert viele Dinge aus, die man irgendwann wieder revidiert. Daraus besteht schließlich der normale Lernprozess – Try and Error! Schwierig wird es dann, wenn Leute (egal ob Ärzte, Therapeuten, Trainer etc.) auf alle Ewigkeit in ihrer gewohnten fachlich mentalen Umgebung verharren. Das heißt, sobald ich eine gewisse favorisierte Therapie-, OP-Technik, was auch immer, gefunden habe, mag das für bestimmte Klientenkreise nützlich und passend sein. Keinesfalls ist es sinnvoll dies für jeden Kunden zu generalisieren. Zweifelsohne ist es immer leichter das abzurufen, was einem an erster Stelle im Kopf umherschwirrt und was man schon immer so gemacht hat.

Auf Dauer alleine vor sich hin zu ‘köcheln’ ist demgegenüber schade und sehr eintönig, da auch Wissenschaft- und Forschung nie stehenbleiben. Gleichzeitig erblicken stets neue Sichtweisen das Licht der Welt, die viele neue AHA-Effekte auslösen und dazu beitragen das große Ganze Konstrukt ‘Mensch’ noch besser verstehen zu lernen.

Doch wie kann ich diesen doofen ‘Availability Bias’nachhaltig in den Griff bekommen? Hier ist die einfache Antwort: indem man darauf verzichtet die Welt immer nur aus der gleichen Perspektive zu betrachten. Denn das würde bedeuten, man verpasst wertvolle weitere Sichtweisen. Schließt Euch zusammen zu interdisziplinären Teams aus unterschiedlichen Berufsgruppen, lernt voneinander, tauscht fachliches Wissen aus, habt Spaß, fragt nach dem ‘Warum’ in jedem Therapieansatz, vermischt Eure mentale Software mit vielen Updates, tauscht professionelle Standpunkte aus, hakt nach, holt Feedback ein, sammelt Erfahrungen und bleibt dabei immer fair und am besten unvoreingenommen.

Literatur:

Dobelli, R. (2018). Die Kunst des klaren Denkens.München: dtv.

___________________________

Julia Schart ist Physiotherapeutin BSc. aus Bayern. 

Sie beschäftigt sich neben der Physiotherapie mit Journalismus, Motivation, Fitness, sowie Marketing. kontaktiert sie gerne unter flowmotionsportsmed@web.de | auf Instagram oder folgtJulia’s Buchtips.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s