Interview mit Boris Zupa

Zum Ende des Jahres 2018 haben wir uns noch entschlossen Boris Zupa aus Wien zu interviewen.

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Boris Zupa | Physiotherapeut & Trainer

Boris hat ein Business auf die Beine gestellt das für viele Physiotherapeuten interessant erscheinen könnte. Er kombiniert eine Trainingseinrichtung mit einer Physiotherapiepraxis. Lest bitte selbst und kommentiert gerne!

  1. Wer ist Boris Zupa? Was machst Du momentan und wie sieht Dein Tagesgeschäft aus?

Boris: Ich bin Physiotherapeut und Trainer und betreibe, gemeinsam mit meiner Frau ein kleines Studio für Kraft- und Konditionstraining namens „Roots – Crafttraining“ in Wien. Mein Tagesgeschäft ist eine Mischung aus Kleingruppen- sowie Privattraining, Physiotherapie und allen Tätigkeiten, die zur Selbständigkeit dazugehören.

  1. Welche Interessen verfolgst Du beruflich? Wie soll es weitergehen?

Boris: Aktuell gilt meine Aufmerksamkeit meinem Studio und dem Ausbau des Kundenstammes. Dazu kommt, dass ich an einem Projekt arbeite um in Zukunft auch wieder unterrichten zu können. Als Physiotherapeut bin ich bemüht mein Verständnis über Schmerzen zu erweitern, um dieses dann in meiner Praxis und meinem Ansatz als „bewegungsorientierter“ Therapeut einzubringen.

  1. Was sind Deine Gedanken zur Patientenversorgung im Allgemeinen? Was läuft gut, was nicht? 

Boris: Das ist eine sehr spannende Frage. Österreich hat ein relativ gutes Gesundheitssystem. Wer einen Arzt braucht, der kann auch einen aufsuchen ohne Sorge zu haben, dass eine unglaublich hohe finanzielle Belastung entsteht. Die Ausbildung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit sind gut bis sehr gut.

Wenn es zur Orthopädie kommt, habe ich das Gefühl, dass viele Ärzte und auch Physiotherapeuten noch immer ein rein biomechanisches Bild haben. Ich musste tatsächlich schon für Ärzte arbeiten, die den Patienten gesagt haben, dass sie ohne ein Röntgen oder MRT keine Diagnose stellen können. Nicht mal eine klinische Untersuchung wurde durchgeführt. Mir ist durchaus bewusst, dass auch die klinische Untersuchung ihre Mängel aufweist, aber sie ist noch immer ein besseres Mittel als eine reine Bildgebung. Auch der Glaube, dass bei Schmerzen etwas kaputt sein muss, ist fix in den Köpfen von Patienten und auch den medizinischen Fachkräften verankert.

Den Patienten wird eingeredet, sie hätten verschobene Wirbel oder sind schief und dies sei gefährlich. Ihnen wird eingeredet, dass die Haltung schuld an ihren Problemen ist oder auch, dass sie zu kaputt/fragil sind um Sport zu machen und sie in der Zukunft eine Operation brauchen.

Die Kommunikation wird überhaupt nicht sorgfältig behandelt. Wie mit Patienten teilweise geredet wird ist furchtbar deprimierend. Oft verbringe ich die erste Einheit nur mit einem Gespräch und einer klinischen Untersuchung. Dabei ist es normal, wenn mir die Leute berichten, dass ich der erste bin der wirklich zuhört und nachfragt.

  1. Auf den ersten Blick kann man den Eindruck bekommen Du betreibst ein Fitness-Studio. Wie kann man sich Deinen Zugang zum Patienten vorstellen? Was ist Deine Philosophie? Warum hat Langhanteltraining für Dich einen hohen Stellenwert? Arbeitest Du auch klassisch an der Bank?

Boris: Der erste Eindruck ist in dem Fall auch komplett korrekt. Ich betreibe tatsächlich ein kleines Fitnessstudio.

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Boris bei einem Kettlebellkurs

Mein Zugang zur Physiotherapie ist der, dass ich die Patienten so schnell wie möglich zur Eigeninitiative und Eigenaktivität bekommen möchte. Meine Rolle ist es den Leuten zu vermitteln, dass Bewegung sinnvoll ist. Dass Krafttraining eine der besten Formen ist, um sich lange fit und gesund zu halten, versuche ich den Leuten mitzugeben. Ob sie dann an Maschinen trainieren, mit freien Gewichten oder lieber mit der Langhantel, ist dann persönliche Vorliebe. Der Prozess ist also sehr individuell.

Ich bin zwar davon überzeugt, dass das Langhanteltraining jeder erlernen kann, allerdings ist es nicht für jeden geeignet. Manche Menschen interessieren sich schlicht nicht dafür. Persönlich kann ich das zwar nicht nachvollziehen, aber um mich geht es ja nicht in der Therapie. Meine persönliche Neigung geht also ganz klar zur Langhantel. Ich finde das diese Art des Trainings so variantenreich ist, dass man mit wenig zusätzlichem Aufwand ein großartiges Ergebnis erzielen kann. Es sei denn, es gibt sehr spezielle Ziele, wie das zum Beispiel im Bodybuilding der Fall sein kann.

Zur Therapie mit den Patienten oder „an der Bank“ ist mein Zugang so, dass ich so wenig wie notwendig manuell arbeite. Da denke ich eher in die Richtung von Gregory Lehmann. „Calm s**t down, built s**t up“ – also „beruhigen und aufbauen“. Hier kann manuelle Arbeit, also den Patienten berühren und die Bewegungen mitführen oder Spannung „lösen“ ein wichtiger Schritt am Anfang der Therapie sein. Ein Beispiel hierzu: Ein Patient kommt nach einer Schulteroperation. Eine der ersten Maßnahmen kann das passive Bewegen im vorhandenen Bewegungsradius sein. Die Patienten sehen und erfahren also mal eine rein manuelle Arbeit von mir. Mein Ziel ist es dann allerdings, so schnell wie möglich mit den Patienten in aktive Selbständigkeit zu kommen. Wie schnell das funktioniert ist immer unterschiedlich. Manches Mal begleite ich einen Patienten länger mit passiv-unterstützender Therapie, manchmal geht es sehr schnell. Eventuell fühlt der Patient unangenehme Spannung im Trapezius, dann kann es vorkommen, dass ich ihn manuell behandle. Nicht weil ich irgendwelche Triggerpunkte lösen möchte, oder dergleichen, sondern weil ich diese Spannungen erleichtern kann und somit in weiterer Folge besser aktive Therapie durchführen kann. Zusätzlich bemühe ich mich, so viel unkomplizierte Information über Schmerzen zu vermitteln wie ich den Patienten zumute. Nachdem sowieso nicht viel bei den meisten Patienten hängen bleibt, beschränke ich mich allerdings auf die, meiner Meinung nach, wichtigsten Informationen.

  1. Oft hört man Begriffe wie medizinisches Training und sicheres Trainieren. Was ist Deine Meinung dazu? Gibt es das? Ist Training im Allgemeinen spezifzierbar? 

Boris: Meiner Meinung nach sind Begriffe wie „medizinisches Training“ mehr in den Bereich des Marketings einzuordnen. Es vermittelt den Eindruck, dass sich die Trainer besonders gut auskennen mit Pathologie und oft das es spezielle Apparate und Maschinen braucht um als „medizinisches Training“ zu gelten. Die Leute gehen dann davon aus, dass das Training ideal dazu geeignet ist wenn man eben ein Problem hat. Hier wird die Unwissenheit der Leute ein bisschen ausgenutzt.

Denn wenn man ganz ehrlich ist, dann ist jede Art des Trainings das ein Therapeut durchführt „medizinisch“. Ob ich jetzt, weil es mir lieber ist, mit Langhanteln arbeite oder jemand auf einem Bosuball „übt“ ist dann eine ganz andere Diskussion.

Sicheres Training sieht so aus, dass jede Bewegung und jede Übungsausführung einen Grund hat. Dann kann ich auch mit rundem Rücken heben lassen oder eine Langhantel hinter dem Kopf drücken. Sicherheit hängt also von Intention und Kontrolle ab. Weiß jemand, warum etwas gemacht wird und kann die Bewegung kontrolliert ausführen, dann kann man von sicherem Training sprechen.

  1. Es gibt viele Kollegen, die leider keinen Zugang zu Trainingsmöglichkeiten mit ihren Patienten haben. Was würdest Du ihnen empfehlen? Denkst Du es gibt Wege Aktivität ohne Geräte und grosse Ausstattung als essentiell zu vermitteln?

Boris: Ich habe selbst länger in einem Institut gearbeitet, das kaum ordentliches Equipment oder sogar genügend Platz geboten hat. Da habe ich mir kurzerhand Bücher zu Training mit dem eigenen Körpergewicht gekauft und den Leuten ganz viel so vermittelt. Ebenfalls bin ich damals mit Pilates in Berührung gekommen – ein sehr schönes und unkompliziertes Mittel, um Bewegung ohne große Trainingsmöglichkeiten zu vermitteln.

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Ein Blick ins Studio

Meine zweite Empfehlung wäre es in Kettlebells und in das Buch von Johannes Kwella zu investieren. Unendliche Möglichkeite, um verschiedene Bewegungsmuster zu trainieren, tun sich auf, wenn man sich mit Kettlebells beschäftigt. Ich habe zwar schon vor Johannes Buch sehr viel mit Kettlebells gearbeitet, konnte aber einige Tipps mitnehmen und würde es jedem, der keine Erfahrung hat als „Gold Standard“ empfehlen. Die Kettlebells selbst nehmen minimal Platz in Anspruch und das Training benötigt ebenfalls kaum Raum.

Eines der größten Probleme in der Physiotherapie ist es, innerhalb von ein paar Therapieeinheiten ein Bewegungsbewusstsein zu schaffen. Wenn man sich das Profil der meisten Patienten ansieht, dann sind doch viele dabei die an Sport oder Training wenig bis kaum Interesse zeigen und am liebsten durch passive Maßnahmen „geheilt“ werden wollen. Hier einen so lebensverändernden Prozess zu starten ist ein unglaublicher Erfolg als Physiotherapeut.

  1. Ein grosses Thema heutzutage ist “Überkorrektur” und “Verkomplizierung” von Übungen. Wie gehst Du damit um? 

Boris: Am Anfang der Karriere als Physiotherapeut oder auch als Trainer steht ein gewisses Interesse an Bewegung und Übungsausführung. Wenn man ein Interesse an Wissensaneignung und kritischem Hinterfragen kombinieren kann, dann löst man sich sehr schnell von dogmatischen Angaben und erkennt, das Bewegung nicht schwarz und weiß ist sondern in graustufen abläuft.

Früher habe ich panisch korrigiert und bin aufgeregt herumgelaufen, um jeden „Bewegungsfehler“ zu korrigieren. Heute bin ich sehr entspannt und kann mit der Tatsache extrem gut leben und arbeiten, dass Bewegung unzählige Varianten hat. Keine Kniebeuge ist gleich wie die andere. Wenn man weiß und versteht, dass der Körper adaptieren kann und nicht sofort bricht weil er ein fragiles Gebilde ist, dann sucht man mit den Leuten eine optimale, individuelle Lösung und stülpt keine Maske über die eventuell komplett unpassend ist.

  1. Was würdest Du einem frischen Absolventen der Physiotherapieausbildung ans Herz legen?

Boris: Jungen Physiotherapeuten lege ich ans Herz kritisch zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild zu machen. Informationen analysieren und verschiedene Quellen heranziehen. Dann kommt man schnell drauf, dass die Ausbildung meistens nur eine Berechtigung war sich selbst weiterzubilden. Ebenfalls würde ich die Informationen aus Kursen immer kritisch sehen. Es wird noch immer Faszientherapie, Triggerpunkttherapie und Tapen angeboten. All das, obwohl es mittlerweile eine Fülle an Studien gibt, die die Wirksamkeit dieser Methoden zumindest kritisch hinterfragt oder keine Wirksamkeit festgestellt wurde. Das Problem hierbei ist, das viele Leute keine objektive Meinung haben sondern immer emotional werden.

  1. Zu guter Letzt – Wo finden Dich Patienten oder Kollegen? 

Boris: In der Altgasse 23/1 in 1130 Wien.

Im Namen der PMBOS – Vielen herzlichen Dank für Deine Zeit und Deine ausführliche Beantwortung unserer Fragen! Wir wünschen Dir und Deiner Frau viel Erfolg für 2019! Danke Boris. 

Interview von Thomas Nickl

Wenn Ihr Fragen habt oder einfach mal Infos über Boris’ Studio wollt:

Roots Crafttraining – Offizielle Homepage | Mail: office@crafttraining.at

Folgt Roots Crafttraining bei Facebook | Instagram

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