Das schmerzhaft eingeschränkte Kiefergelenk – Ein multifaktorielles Problem – Teil 1

Eingeschränkte Funktion des Kiefergelenks

Zunächst möchte ich differenzieren zwischen Patienten mit morphologischen Veränderungen des Kiefergelenkes, die operative Eingriffe oft schon früh erfordern und Patienten die vorwiegend in Praxen anzutreffen sind und unter schmerzhaft eingeschränkten Funktionsstörungen die sich oft im Jugend- oder Erwachsenenalter zeigen, leiden. In Literaturrecherchen auf PubMed fällt sehr stark auf, dass bei Kiefergelenksbeschwerden sehr schnell über Discusabnormalitäten gesprochen wird und nach Kortisoninjektionen, eine operative und orthesengestützte Behandlung die oft einzige Therapieempfehlung ist. Butts et al., 2017 beschreiben eine sehr geringe bis zu nicht vorhandene Evidenz, die eine Schienenversorgung bei Funktionseinschränkungen des Kiefergelenks rechtfertigen würde.

Heute allgemein gültiges Schmerzphysiologieverständnis hat uns zudem gelehrt, dass diese Therapien nur eine strukturelle Veränderung hervorrufen und keinesfalls eine hilfreiche Methode sind, um Patienten in ihrer Lebensqualität Verbesserungen zu gewähren.

Persönliche Erfahrungen und Hintergrund

Sehr oft passiert es das wir Physiotherapeuten nur regionsbezogen Untersuchen, Analysieren und Behandeln. Zwar werden die funktionellen Beziehungen die der Rumpf mit den Extremitäten zeigt oft diskutiert, aber als Ursache-Folge-Kette liebend gerne umgedreht. So werden vorschnell Schlüsse gezogen wie “Schulterprobleme sind immer die Folge von Fussfehlstellungen” und wer Kieferschmerzen hat benötigt Einlagenversorgung der Füsse etc. Es kann selbstverständlich ein Schlüsselfaktor sein, bei Patienten im Rehabilitationsprozess den Fokus auf eine kraftvolle Basis, bestehend aus BWS, Scapula und HWS zu legen. Dabei kann es wichtig werden, auf die sagittal/transversale Beinachse und Fussfunktionen einzugehen – allerdings sollte man ein effizientes individuelles Clinical Reasoning priorisieren. Die Methoden sollten nicht das Ziel bestimmen.

Ebenso gilt dies für Patienten mit schmerzhaften Kieferfunktionsproblemen. Es ist äusserst selten dass ein Kieferproblem ohne Vorgeschichte im angrenzenden muskuloskelettalen Bereich solitär auftritt und um eines klar herauszustellen – eine fundierte, erfolgreiche Therapie solcher Beschwerden erfordert ein starkes Miteinbeziehen der sozialen und psychologischen Ebene. Sowohl in der Anamnese, als auch im Gespräch mit dem Betroffenen.

Das Kiefergelenk als psychosoziale Besonderheit

Ein besonderer Faktor, der meiner persönlichen Auffassung entspringt ist die Funktion des Kiefergelenks als “Öffnung zur Nahrungsaufnahme”. Die einzige Möglichkeit unseres Körpers seinen Nährstoffbedarf zu decken ist Flüssigkeit und feste Nahrung zu sich zu nehmen. Dies geschieht durch den Mund und ist abhängig von einer ausreichend guten Kieferöffnung. Soll es zu Kauvorgängen kommen, bedarf es einer repetitiven Öffnung und Schliessung. Kieferfunktion ist also grundsätzlich lebenswichtig und für unser zentrales Nervensystem eine bedeutende Funktion.

Wir wissen mittlerweile ausreichend um die protektive Funktion von Schmerz. Könnte er im Kieferbereich aus oben genannten Punkten eine stärkere Rolle als bei anderen Körperregionen spielen?

Eine weitere Gefahr, Patienten in maladaptive unverhältnismässige Schutzmechanismen zu steuern ist eine Überdiagnostik und damit verbundene Erklärungen, die den Patienten Schäden an Discus und Kiefergelenksknorpel vor Augen führen. Wie reagiert ein Patient der bei jedem Kauvorgang Angst hat, seinen Discus weiter zu zermalen? Wie verhält sich jemand der Angst hat seinen Knorpel durch einen Mundschluss zwischen den Kiefergelenksflächen weiter zu zerstören?

Ein fundiertes Up-to-Date Verständnis der Schmerphysiologie ist mittlerweile für jede Berufsgruppe die mit Menschen die unter Schmerzen leiden arbeitet, erforderlich.

Spricht man mit Physiotherapeuten, Ärzten oder Trainern, so sind sich alle einig, dass Schmerz im Gehirn “produziert” wird. Doch Wissen um die Physiologie der Schmerzwahrnehmung und sinnvolles implementieren dieses Wissens, sind zwei Paar Schuhe. Das Wissen um die Funktion der Schmerzwahrnehmung- und Entstehung reicht nicht aus, sondern Patienten müssen bei Bedarf ein Grundverständnis dafür entwickeln. Lorimer Moseley, Adrian Louw, die Forschergruppe Body in Mind und das Neuroorthopedic Institute (NOI) sind hervorragende Quellen hierfür.

Vielen Dank fürs Lesen. Mehr zu Therapie und Diagnostik in Teil 2

Ich freue mich auf Diskussionen.

Literaturverweise:

Butts, R., Dunning, J., Pavkovich, R., Mettille, J., & Mourad, F. (2017). Conservative management of temporomandibular dysfunction: A literature review with implications for clinical practice guidelines (Narrative review part 2). Journal of Bodywork and Movement Therapies.

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