Die “Press” in der Schulterrehabilitation

Langhanteltraining in der Physiotherapie ist für viele Menschen und Gesundheitsdienstleister etwas ungewöhnliches und führt sehr oft zu Erstaunen. Meiner Meinung nach könnte dieser Sachverhalt davon rühren, dass man gesellschaftliche Verbindungen zwischen Langhantelstangen und Gewichtsscheiben mit dem Gewichtheberbereich herstellt, was immer noch unbegründeterweise als sehr gefährlich für den Rücken und für Gelenke gilt.

Vergleicht man die essenziellen Langhantelübungen wie Deadlifts (Kreuzheben), Backsquats (Kniebeugen), Bench Press (Bankdrücken) und die Press oder Overhead Press / Military Press mit den Anforderungen die einem Patienten oder Klienten täglich begegnen, so lässt sich doch annehmen, dass mit fast keinem anderen Trainingsgerät ein ähnlich sinnvoller Alltagsbezug hergestellt werden kann, wenn es um den Aufbau von Belastungskapazität und Kraft für verschiedene Tätigkeiten des täglichen Lebens geht.

In der Arbeit mit Patienten, die an Schulterbeschwerden leiden, beispielsweise – bietet es sich ebenfalls im Rehaverlauf an, alltagsbezogene Aktivitäten in die Behandlungsplanung und das Therapieprogramm zu übernehmen. Viele Patienten benötigen die Einsatzfähigkeit ihres Armes in einer Überkopfposition. Eine ideale Übung für das Training von Belastungsreserven in dieser Aktivität ist die “Press” oder “Overhead-Press”.

IMG_1520(Bild 1: PMBOS 2018, PCC-Concept)

Die Ausführung dieser Übung sowie die Bedeutung für den Bewegungsapparat, sind zwei Faktoren, die man dem Patienten ausführlich erklären sollte. Viele Patienten haben von Therapeuten oder Ärzten gehört, dass bei Bewegungen unter Belastung die über das Schulterniveau nach oben gehen, eine Engstelle in der Schulter entstehen kann und dies zum Impingement oder zur Schädigung der Rotatorenmanschette führt.

Betrachtet man die Mechanik der Scapula bei Überkopfbewegungen, wird klar, dass die natürliche Anlage der Scapula und ihre mechanische Bewegung bei Armelevation, ein Einklemmen der Strukturen unter dem Schulterdach verhindert. (1) Patienten hierüber im Unklaren zu lassen oder ihnen möglicherweise davon abzuraten, Übungen über Kopf auszuführen, fördert ein passives Verhalten und Angst vor diesen Bewegungen.

Bildschirmfoto 2018-07-08 um 21.05.54

Bild 2: https://musculoskeletalkey.com (all rights reserved)

Stellt man sich in diesem Bezug die Rehabilitation eines Handwerkers vor, dessen tägliche Beschäftigung es ist, über seinem Kopf zu arbeiten sind solche Ratschläge, wie “Überkopfarbeit ist für Sie nicht geeignet” als sehr fragwürdig einzustufen.

Nicht nur bei Schmerzen die direkt vom Schultergelenk ausgehen, sondern auch bei Beschwerden des oberen Nackens oder des Schulter-Nacken-Bereichs bietet sich die Press an. IMG_1516 (Bild 3: PMBOS 2018, PCC-Concept)

Wie im Bild 3 zu erkennen ist, bildet man mit der Langhantel einen sehr langen Lastarm mit mehreren Drehpunkten bis zum Boden, an dem ein Gewicht einen Hebelarm sowohl vor- als auch hinter die Körperlängsachse in mehreren Gelenken bildet. Die Klientin benötigt vom gehaltenen Objekt aus abwärts ihre ventrale und dorsale Muskulatur um eine aufrechte Körperposition zu gewährleisten. Alleine aus dieser biomechanischen Sichtweise heraus, könnte man die Press als einen “Tausendsassa” unter den funktionsbezogenen Übungen betrachten.

Grundsätzlich lässt sich zudem, wie bei allen klassischen Langhantelübungen über einen positiven Effekt auf Grundkraft und allgemeine Steigerung der körperlichen  Leistungsfähigkeit diskutieren.

Möchte man die Press in ein Rehabilitationsprogramm einbinden, ist es selbstredend von Vorteil mit dem Patienten einige Voraussetzungen zu erarbeiten. Eine schmerzfreie Elevation des Armes sollte beispielsweise beidseits möglich sein. Ebenfalls kann die Brustwirbelsäulenmobilität eine kritische Rolle spielen. Eine individuelle Entscheidung über die Verwendung dieser Übung bleibt unabdingbar.

Wie bei allen Langhantelübungen ist auch bei der Press ein ausführliches Coachen der sinnvollen Technik sehr wichtig. Ich spreche absichtlich von “sinnvoll” und nicht einer “korrekten” Technik, denn wir wissen mittlerweile dass es durchaus nachteilig sein kann, einen Patienten  dahingehend zu sensibilisieren, dass Übungsausführung richtig oder falsch sein kann. Ebenso ist es für Schmerzlinderung nicht wichtig, ob eine Übung wie aus dem Lehrbuch ausgeführt wird, oder Abweichungen entstehen. Hierzu empfehle ich diesen Artikel von Ted Willsey und diesen von Pain-Science.com (Artikel).

Oft entstehen bei vielen Menschen durch die Verwendung der Aussagen “Richtig” und “Falsch” Einstellungen die dazu führen, dass Patienten ihre eigene Aktivität und Initiative zurückschrauben, da sie möglicherweise den Eindruck erhalten nur durch 1 zu 1 – Betreuung “richtig” zu trainieren und eigenständig sehr hoher Gefahr ausgesetzt sind, Fehler zu machen.

Sinnvolle Ausführung der Press heißt in diesem Fall grob, das zu bewegende Gewicht so nah es geht, am Körpermittelpunkt nach oben und nach unten zu führen und keine unnötigen Hebelkräfte entstehen zu lassen.

Diese Übung lässt sich ebenfalls sehr gut in kleine Unterschritte und einzelne Bestandteile zerlegen um sie für Patienten zugänglich zu machen, die die volle Ausführung momentan nicht durchführen können.

Ich würde mich freuen Euere Gedanken zu dieser Übung zu erfahren und darüber zu diskutieren.

(1) McClure, P., Michener, L., Sennett, B., & Karduna, A. (2001). Direct 3-dimensional measurement of scapular kinematics during dynamic movements in vivo. Journal Of Shoulder And Elbow Surgery, 10(3), 269-277.

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