Funktionell, funktionell, funktionell…..

Für mich eines der “Unwörter” der letzten Jahre. Spricht man mit Therapeuten oder besucht Internetseiten, hört man nur noch – alles ist funktionell.

Was bei all diesem “Funktionswahn” allerdings auffällt ist, das in den Rehabilitationsprozessen fundamentale alltägliche Bewegungsmuster keinen Platz oder keine Anwendung erfahren.

Ich spreche hierbei hauptsächlich von freien Gewichten. Viele verziehen die Nase und schimpfen auf die Langhantelfraktion, allerdings macht man sich m.M.n. keine Gedanken über die Alltagsanforderungen vieler Pat. und die sind nunmal mit freien Gewichten oft sehr gut reproduzierbar.

Ebenso wird davon gesprochen “Freihantel, Kreuzheben, etc.” das ist den Patienten viel zu schwer….

Ist es nicht meistens so, dass Pat. im Alltag diese Gewicht und noch viel höhere bewegen müssen und in der Therapie nur 10% davon abbekommen? Oder warum entsteht oft der Eindruck – mit einer Langhantel – “das kann ich niemals” “Das ist zu schwer”. Ist die Schwierigkeit ans Gewicht oder vielleicht doch eher an die Bewegungsausführung gekoppelt?

Mich interessiert Euere Meinung!

4 thoughts on “Funktionell, funktionell, funktionell…..

  1. # Folgender Fall aus persönlicher Erfahrung: ein Patient kommt (z.B. mit leichter Skoliose) kommt zur Physiotherapie – dort wird ihm vorgeschlagen mit einer Langhantelstange zu trainieren. Der Patient zweifelt stark an dieser Trainingsmethode, da ihm in jungen Jahren ein Orthopäde aufgetragen habe, er dürfte bezüglich der Skoliose keine Gewichte über 20-30kg anheben. Das heißt der Patient trägt diesen “Leitspruch” nun 30 Jahre lang in seiner kognitiven Datenkammer mit sich herum. Wie also soll eine eingebrannte Ideologie, ausgehend von einem fundierten Mediziner, nun innerhalb von Minuten abgebaut werden?!

    Aus seiner Sicht hat er – Angst.

    Er kann die Kompetenz des PT und die Wirksamkeit der Trainingsmethode (noch) nicht einschätzen. Plötzlich beginnt sein bisheriges langjähriges ‘Weltbild’ zu bröckeln. Wie also kann es sein, dass ihm ein PT mit vermeintlich “rauen” Therapiemethoden dieser Art auf den Leibe rückt – während der besagte Facharzt, als Experte mit Erfahrung und Praxiswissen, stets einen absolut konträren Standpunkt vertritt?

    Möglicherweise, hebt ein solcher Patient auch in seinem Alltag Gegenstände mit einem Gewicht über 20-30kg an – meist wird dies jedoch eine Aktion unbewussten Charakters darstellen. In der Therapie hingegen wird ihm das Ausmaß dieser vermeintlich potentiellen “Schädigung” tatsächlich erst bewusst!

    # Ein anderer Grund für die negative Haltung gegenüber dem Training mit schweren freien Gewichten ist:
    Das fehlende Vertrauen in sich selbst (bzw. die negative Haltung in Bezug auf unbekannte, noch nie dagewesene Handlungen).
    Eventuell ist dies das Ergebnis der persönlichen Prägung, des sozialen Umfeldes oder der Gesellschaft. Gerade die Angst der Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht standhalten zu können und Handlungen sofort aufs erste Mal perfekt ausführen zu müssen sind unbewusste Hemmschwellen. Viele Menschen glauben, sie dürften keine Fehler machen.

    Würde man eine “fehlerhafte” Handlung besser als ‘ersten verbesserungswürdigen Versuch’ bezeichnen, würde man Aktionsversuche verbal aufwerten. Möglicherweise liegt der Schlüssel des Erfolgs auch darin, Selbstzweifel abzubauen und, ohne Bedenken, mehr Vertrauen in sich selbst zu gewinnen.

    Drückt man die gesamte Misere mit Pippi Langstrumpfs Worten aus:
    “Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!” – DAVON möchte ich mehr erleben, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen!

    # Meine dritte Vermutung, warum Patienten auf Langhantel-Training verzichten möchten:
    Sowohl in vielen Rückenschulkursen, in Fernsehsendungen oder in Gesundheitskursen in Schule/Kindergarten/Arbeitsplatz – ja selbst in PT-Ausbildungen – wird das Potential der physiologischen Belastungsfähigkeit einer Wirbelsäule nur unzureichend erläutert. Stattdessen propagiert man “rückenschonende” Bewegungen, bei denen Menschen – beim Aufheben ihres Kugelschreibers – jegliche Beugungen der Wirbelsäule tunlichst vermeiden müssen.

    Die Frage ist: differenziert man dabei tatsächlich zwischen gesunder/intakter Wirbelsäule vs. Wirbelsäulen mit akuten Bandscheibenvorfällen?!

    Wo würden wir alle eines Tages landen, wenn wir strikt alle Bewegungen vermeiden und mit negativen Gefühl besetzen, für die unsere Wirbelsäulen eigentlich gebaut wurden?

    Der menschliche Körper ist zum Glück immer noch eines der stabilsten und belastungsfähigsten Konstrukte, das die Wissenschaft je hervorgebracht hat – und dennoch ist er so beschützenswert…

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  2. Hervorragend Julia. Vielen Dank für dieses Statement! Wann wird dieses Vorgehen in die Praxis im breiten Spektrum implementiert? Wenn wir aufhören “eminenzbasiert” zu arbeiten?

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  3. Vielleicht auch einfach nur dann, wenn WIR (alle die, die über das jeweilige Wissen verfügen und alle die, die in Zukunft über dieses Wissen verfügen sollen!) Menschen aufklären! ‘Aufklärung’ ist eines der Schlüsselwörter unserer Geschichte.

    Bereits Immanuel Kant war der Ansicht:
    “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.”

    Da Menschen keine unmündigen Individuen sein dürfen, ist es Pflicht jedem Klienten das Recht zu geben aktiv an seinem Kunstwerk ‘Körper’ arbeiten zu dürfen. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, um passiv von A nach B getragen zu werden – sondern, um aus eigenem Willen aufrecht und aktiv zu stehen!

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